Geschichte

Homberger Geschichte

Nur die Fahne überlebte.



Der MGV „Einigkeit“ Essenberg 1873 nach 111 Jahren aufgelöst.



Ein besonders schöner Blickfang im Heimatmuseum des Freundeskreises Historisches Homberg e. V. sind etliche Fahnen traditionsreicher Vereine, die das gesellschaftliche und kulturelle Leben im Homberger Stadtgebiet wesentlich mitbestimmt haben bzw. mitbestimmen.

Darunter befindet sich auch die Fahne des Männergesangvereines (MGV) „Einigkeit“ Essenberg. 111 Jahre waren die Konzerte, Feste und musikalischen Darbietungen des Männerchores gesellschaftliche Höhepunkt im Ortsteil Essenberg; Wert genug, anhand der Fahne, die nunmehr einen würdigen Aufbewahrungsplatz gefunden hat, die Geschichte des Traditionsvereins noch einmal lebendig werden zu lassen.

„Der Zweck des Vereins ist Ausbildung im deutschen Männergesang und veredelnde, gemütliche Abendunterhaltung.“ So steht es geschrieben im § 1 der Statuten des Männergesangvereins “Einigkeit“ zu Essenberg.
Große Freude herrschte im Jahre 1871 über die Wiedervereinigung aller deutschen Stämme zum Deutschen Reich. Dichter und Komponisten priesen die Einigkeit mit begeisternden Worten und Weisen. In der Folge wurden auch in der Grafschaft Moers immer neue Gesangvereine gegründet. So lag es auf der Hand, dass auch Essenberg nicht zurückstehen wollte. Es war im Jahre 1873, als sechs Essenberger Bürger:
Georg Bongartz, Heinrich Pesch, Johann Janz, Wilhelm Pesch, Heinrich Johnen und Johann Schneiders, einen Gesangverein ins Leben riefen und ihm den Namen „Einigkeit“ gaben. Freunde und Gönner des Vereins machten es möglich, dass bereits im Jahre 1875 eine Fahne angeschafft werden konnte. In den Jahren 1876 bis 1889 waren die Lehrer Donait, Berns und König die Chorleiter des Vereins. 1889 übernahm dann der allen Essenbergern bekannte Rektor Hackstein die musikalische Verantwortung. Erstmals im Jahre 1896 gelang es dem Verein, an einem Gesangswettstreit in Duisburg-Wanheimerort mit beachtlichem Erfolg teilzunehmen. Das 25jährige Bestehen, Ostern 1898, wurde im Hessel`schen Saal festlich begangen. Weitere Erfolge bei Gesangswettstreiten folgten. Im Jahre 1901 trat Rektor Hackstein aus gesundheitlichen Gründen zurück. Nachfolger bis 1909 wurde Herr Sarbin aus Homberg, Vater des späteren Vorsitzenden des Sängerkreises Moers. In der Zeit fällt auch die Gründung eines zweiten Männergesangvereins, der den Namen „Frohsinn“ Essenberg führte. Es entstanden Rivalitäten, die das Vereinsleben störten. Im Jahre 1905 fand unter Beteiligung vieler Nachbar-Gesangvereine, des Kriegervereins und des Essenberger Turnvereins die Weihe einer neuen Vereinsfahne durch den Bürgermeister Wendel auf dem Marktplatz in Essenberg statt.

Es wechselten mehrfach die Chorleiter, und zwar die Herren Bühle aus Hamborn, Florenzen aus Ruhrort und Ernst aus Mülheim. Trotz Ausbruch des ersten Weltkrieges und der damit verbundenen Einberufung vieler Sänger, konnten die Gesangproben noch bis zum Jahre 1915 fortgesetzt werden. Mit der Einberufung des Chorleiters musste die Vereinstätigkeit allerdings eingestellt werden.

Nach Kriegsende 1918 führte der Vorsitzende Heinrich Schneider die beiden Chöre „Einigkeit“ und „Frohsinn“ zusammen. Chorleiter wurde Tillmann Hausmann, der vorher Dirigent des MGV „Frohsinn“ war.
Unter starker Beteiligung der Bevölkerung sowie örtlicher und auswärtiger Vereine veranstaltete der Verein in den Tagen vom 27. bis 29.09.1924 im Saale Maus in Essenberg die Feiern zum 50jährigen Bestehen des Chores. Aus diesem Anlass stifteten die Vereinsdamen den goldenen Fahnenkranz. Es folgten unter Tillmann Hausmann in den Jahren 1928, 1932 und 1934 Gesangwettstreite, bei denen der Verein große Erfolge verbuchen konnte. Nach dem Tode des Chorleiters im Jahre 1934 übernahm noch im gleichen Jahr Musikdirektor Schreiber das Amt des Chorleiters. Nach Ausbruch des II. Weltkrieges konnte 1939 zunächst noch die Vereinsarbeit weitergeführt werden. Durch den plötzlichen Tod des Musikdirektors im Jahre 1940 kam die Vereinsarbeit zum Erliegen.

Schon 1946 wurde durch den Einsatz des 1. Vorsitzenden Jakob Biermann, und unter der musikalischen Leitung des Vize-Chorleiters Karl Pley, die Arbeit wieder aufgenommen. Anfang 1947 löste Herr Pasch aus Krefeld den Sangesbruder Pley ab. Unter seiner Leitung konnte das Fest des 75jährigen Bestehens am 06.06.1948 im Saal des Rheingartens gefeiert werden. Gesundheitliche Gründe zwangen Herrn Pasch zur Aufgabe seiner Chorleitertätigkeit. Sein Nachfolger, Heinz Schwoll, führte eine Reihe von erfolgreichen Konzerten durch sowie 1950 einen Gesangswettstreit in Vallendar. Im Festzelt am Vereinslokal Theuwsen, vormals Maus, in Essenberg feierte man vom 25.07. bis 27.07.1953 das 80jährige Jubiläum unter Beteiligung zahlreicher Vereine. In den Jahren 1954-1956 übernahm Herr Mager aus Krefeld die musikalische Leitung des Chors. Ihm folgte von 1957 bis 1961 Hans Diesselkamp. Ab 1961 probte und sang der MGV unter dem Chorleiter Heinz Müller. Unter seiner Leitung fanden in den letzten Jahren des Bestehens mehrere beachtliche Konzerte statt. Bewunderung und Lob ernteten Chorleiter und Sänger bei den Festkonzerten aus Anlass des 90jährigen Bestehens im Rheingartensaal und zum 100jährigen Jubelfest in der Glückaufhalle.

Auch ist einer Reihe von Vorstandsmitgliedern zu gedenken. Sangesbruder Wilhelm Lissen leitete von 1954 bis 1957 den Verein. Danach übernahm Ernst Maurer die Verantwortung. Kurzfristig leitete 1962 Karl Grüter die Vereinsgeschicke. Von 1963 bis 1973 stand Herr Maurer wieder dem Verein vor. Gesundheitliche Gründe haben in veranlasst, nach dem „100jährigen“ den Vorsitz abzugeben. Von 1973 bis 1975 war Gerhard Wettels Vorsitzender. Hermann Kersken, vieljähriges Vorstandsmitglied und aktiver Sänger, wurde dann zum Vorsitzenden gewählt. Er musste im Jahre 1984 den Verein auflösen.

Der Essenberger Chor konnte 111 Jahre lang alle Stürme der Zeit überstehen. Seit 1973 zeichnete sich jedoch eine sinkende Mitgliederzahl ab, die eine regelmäßige Chorarbeit nicht mehr zuließ. Ein Männerchor muss, um „gut bei Stimme zu sein“, mindestens 40 Sänger in seinen Reihen haben, die sich zu gleichen Teilen auf vier Stimmlagen verteilen; erster und zweiter Tenor, erster und zweiter Baß. 1978 ereilte den Männergesangverein „Einigkeit“ das Schicksal. Die Stimmstärke der Sangesbrüder war unter diese Existenzmarke gefallen. Es gab nur noch einen Ausweg. Aus dem reinen Männerchor wurde ein gemischter Gesangverein. Frauenstimmen sollten der „Einigkeit“ wieder zu mehr „Stimme“ verhelfen.

In den darauffolgenden Jahren konnte man von einer echten Gesangsverstärkung sprechen. Aber durch Tod und Umzug von Mitgliedern verminderte sich die Chorstärke wieder so drastisch, dass man auf einer im März 1984 stattgefundenen Mitgliederversammlung beschloss, den Chor entsprechend der Satzung aufzulösen. Eine Gesangsära ging nach 111 Jahren still und heimlich zu Ende. Geblieben sind den Vereinsmitgliedern die Erinnerungsstücke an eine große Vergangenheit; eine hölzerne Gedenktafel mit den Namen der im ersten und zweiten Weltkrieg gefallenen Sangesbrüder, die Vereinsfahne von 1905 und die Zelterplakette, die den Essenbergern zum 100jährigen Bestehen verliehen wurde.
Gerne besuchen die ehemaligen Sangesbrüder das Museum, um sich insbesondere beim Anblick der Vereinsfahne an diese Zeit zu erinnern.




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